Antisemitische Slopaganda: KI-generierte Fake-Rabbiner werden genutzt um Desinformation zu verbreiten

A collage of AI-generated videos uploaded on accounts claiming to belong to rabbis.

Mit einem Löwenbaby auf dem Schoß sitzt “Rabbi Finance” in einem luxuriösen Haus und erklärt, dass “die Juden” wegen des Iran-Krieges jetzt richtig reich werden. Klingt nach einer durchschnittlichen antisemitischen Karikatur, ist aber Teil einer neuen Welle KI-generierter Videos, die seit Mitte Februar 2026 vermehrt auf Instagram, außerdem auch auf Facebook, YouTube und TikTok, zu sehen sind. Vor allem auf Instagram sind sie erfolgreich: Einige der Videos wurden millionenfach angesehen. Ihren Erstellern geht es offenbar vor allem ums Geschäft.

Manche KI-Rabbiner sitzen in teuren Autos, andere am Strand, wieder andere im Privatjet. Manche von ihnen tragen Schläfenlocken. Einige halten Goldbarren in der Hand. Die meisten von ihnen sprechen Englisch, einige wenige auch Deutsch. Die Inhalte sind deckungsgleich, teilweise wurde das Skript sogar kopiert. Ab Mitte Februar werden die meisten von ihnen aktiv und veröffentlichen vor allem Videos, in denen antisemitische Klischees verbreitet werden: Alle Juden sind reich und besitzen grundsätzlich mindestens eine Immobilie. Deshalb sind sie auch geeignet, den Usern Finanztipps zu erteilen, so die Erzählung. In mindestens einem Fall wird sogar der Holocaust instrumentalisiert. In einem Video heißt es da: „Mein Großvater überlebte den Holocaust mit nichts als dem Hemd, das er am Leib trug, und starb mit einem Vermögen von 8 Millionen Dollar.“

Desinformation und Verschwörungsmythen zum Iran-Krieg und Jeffrey Epstein

Zwischen Tipps zum Immobilienkauf und für ein erfolgreiches Familienleben werden auch aktuelle Ereignisse immer wieder aufgegriffen: Mit dem Beginn des Iran-Krieges verändert sich der Ton. Die Inhalte werden krasser, die KI-Rabbiner verbreiten einschlägige antisemitische Verschwörungsmythen, etwa, dass Jüdinnen und Juden am Ausbruch des Krieges und überhaupt aller Kriege schuld seien und dass sie diese anzetteln, weil sie von Ölpreisen und Fluchtbewegungen profitieren würden. Letzteres erinnert stark an die Verschwörungserzählung vom vermeintlichen „Großen Austausch“, der unter Rechtsextremen weit verbreitet ist. Demnach gebe es einen geheimen Plan, die weiße Bevölkerung in Ländern wie Deutschland solle durch Geflüchtete und Migranten ersetzt werden. Als Verantwortliche werden immer wieder Jüdinnen und Juden benannt. Immer wieder zitieren Rechtsterroristen den „Großen Austausch“ als Motiv für ihre Anschläge.

Auch die Epstein-Akten und die Missbrauchsnetzwerke von Jeffrey Epstein sind Thema in vielen Videos. Auch hier werden Jüdinnen und Juden als übermächtig dargestellt: Die Mehrheit der Beteiligten seien Juden und würden ihre angebliche Macht nutzen, um sich jeglicher Konsequenzen zu entziehen. Auch um Russland geht es. In einem deutschsprachigen Video von “Nathan Goldmann”, einem der wenigen Accounts, der nicht als Rabbi vorgestellt wird, heißt es: “Russland ist das stärkste Land der Welt. Viel stärker als die Vereinigten Staaten oder Israel. Warum? Weil die Russen eine viel stärkere Mentalität haben als die Amerikaner.” Das Skript wurde auch auf Englisch genutzt: Von “Rabbi Goldrich”.

Auch die haltlosen Spekulationen um den Tod von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu greifen die Accounts auf. Wortgleich heißt es bei “Rabbi Goldman”, “Rabbi Silverstein” und “Solomon Blackstone”: “Benjamin Netanjahu wurde durch einen iranischen Drohnenangriff getötet und Israel vertuscht es mit Hilfe von KI-Videos. Ob es wahr ist oder nicht – Das ist es, was Juden verstehen und du nicht.” Zusammen wurden die Videos mehr als 1,4 Millionen mal aufgerufen und mehr als 59.000 mal gelikt. Inhaltlich bleibt es über alle Konten und Videos hinweg flexibel. “Rabbi Bernstein” warnt zum Beispiel vor Manipulation im Internet: “Dies ist das Zeitalter manipulierter Wahrnehmung.”

Eine Collage KI-generierter Desinformationsvideos, die suggerieren, Netanjahu sei bei einem iranischen Angriff getötet worden.
KI-generierte Videos suggerieren, Netanjahu könnte bei einem iranischen Angriff getötet worden sein

Millionen Klicks für fragwürdige Anlagetipps

Mindestens 35 solcher Accounts verbreiten KI-Rabbi-Videos auf Instagram. Seit März 2026 haben sie hunderte Videos veröffentlicht. Zusammen haben sie mehr als 2,3 Millionen Follower. Der größte Account ist der von “Rabbi Goldman” mit 1,3 Millionen Followern. Eines der Videos auf dem Account mit dem Titel “Juden kaufen keine Nike-Schuhe” wurde 8,9 Millionen mal angesehen. Seinen KI-Kollegen “Rabbi Goldsteyn”, “Rabbi Goldstein”,  “Rabbi Goldberg” oder “Nathan Goldmann” (mit zwei n, kein Rabbiner) erreichen deutlich weniger User, erzielen aber mit einigen Videos zehntausende Aufrufe. „Evelyn Rothstein“, einer von zwei Accounts, die weibliche KI-Avatare nutzen, hat mehr als 42.000 Konten als Follower.

Die KI-Videos sollen finanzielle Gewinne erzielen: 25 der 35 Accounts verlinken auf Online-Shops, in denen meist kostenpflichtige Ebooks angepriesen werden, die für einen Preis zwischen 9 und 29 US-Dollar Tipps für Wohlstand und Erfolg versprechen. Autoren werden nicht genannt, dafür werden auch hier antisemitische Klischees bedient und angebliches jüdisches Geheimwissen aufgedeckt.

Arglose Kommentare und NS-Verherrlichung

Dass die Videos KI-generiert sind, ist in den Kommentaren kaum Thema. Nur vereinzelt weisen User darauf hin, dass hier keine echten Menschen zu sehen sind. Stattdessen kommentieren tausende User wie gewünscht mit “Money” oder “Wealth”, weil die Videobeschreibungen versprechen, dass Kommentierende wertvolle Finanztipps per Direktnachricht erhalten. Diese Technik ist beliebt bei Influencern aller Art, auch solchen, die nicht aus der KI-Konserve stammen, um möglichst viele Interaktionen für ihre Videos zu generieren, die wiederum zu mehr Klicks führen sollen.

Andere User diskutieren die Inhalte der Videos, etwa weil sie enttäuscht sind, dass der KI-Rabbiner Rassismus relativiert oder ihre Meinung zum Iran-Krieg oder den Epstein-Files loswerden wollen. Besonders unter den deutschsprachigen Videos Posten User viele antisemitische und Holocaustverherrlichende Kommentare. Einer schreibt etwa: “Ich kaufe Zyklon B”, das Giftgas, das die Nazis während des Holocaust für die Ermordung von Hunderttausenden allein im Vernichtungslager Auschwitz benutzten. Ein anderer nutzt Emojis um einen Hitlergruß anzudeuten. Aber auch ihnen scheint nicht bewusst zu sein, dass sie mit KI-generierten Videos interagieren. Das zeigt: Selbst wenn hinter den Accounts kommerzielle Interessen stecken, erzeugen antisemitische Verschwörungserzählungen und Desinformation einschlägige Reaktionen.

Nach dem AI-Slop-Trend ist vor dem AI-Slop Trend

KI-Schrott-Unternehmer wie diese versuchen aktuelle Ereignisse auszunutzen oder neue Trends zu erschaffen. Bleiben die Klicks aus, probieren sie etwas Neues. Das belegt das Profil von “Daniel Rothus”. Nach zehn KI-Rabbiner-Videos mit mäßigem Erfolg postet der Account nun Videos angeblicher verzweifelter Single-Mütter. Die weinenden KI-Mütter sollen nicht die Herzen der Instagram-User erweichen, sondern sie auf eine Website locken, auf der sie angeblich einen Gutschein für die US-Kette Target gewinnen können, wenn sie an Umfragen teilnehmen. 

Ein Screenshot von vier aufeinanderfolgenden Videos eines Instagram-Accounts. Auf zwei Videos sind KI-generierte weinende Frauen zu sehen, auf zwei anderen KI-generierte Rabbiner
Vom KI-Rabbi zur KI-Single-Mutter in nur zwei Wochen

Auch ein anderer Account wechselt die Identität: Statt Rabbi-Content warnt nun ein KI-generierter Arzt namens “Haruto” vor den Folgen hoher Cortisol-Werte und preist ein Magnesium-Nahrungsergänzungsmittel an. Der TikTok-Account des namensgleichen KI-Rabbis, der jetzt ein KI-Arzt ist, wurde vorher auch für andere Inhalte genutzt: Im Januar wurden dort noch KI-generierte Videos schwarzer Polizisten und Pilotinnen gepostet, die angeblich auf Rassismus aufmerksam machen. In einigen von ihnen ist das Wasserzeichen von OpenAIs Videogenerator Sora zu sehen. Auf einem weiteren TikTok-Account preisen KI-generierte Tagesschau-Videos mit Jens Riewa die Kenntnisse von “Rabbi Goldsteyn” an. Zuvor wurden über das Profil Schmuck mit den Logos verschiedener Automarken vertrieben.

Ergebnis einer Analyse von Google Gemini, die belegt, dass KI-Rabbis auf Instagram durch Google-KI-Tools erstellt wurden.
Gemini-Analyse: Die Videos wurden mit Google-KI-Tools erzeugt

OpenAI kommt bei den Rabbi-Videos nicht mehr zum Einsatz. Eine Stichprobe von Videos verschiedener Kanäle mit Googles Gemini-Chatbot belegt, dass die Videos SynthID-Wasserzeichen enthalten und demnach mit Google-KI-Tools erzeugt wurden. Keines der Videos wurde durch Meta als KI-generiert markiert. Auf YouTube wurde das einzige hochgeladene Video von “Rabbi Finance” als KI-generiert gekennzeichnet, Videos anderer Konten erhielten wiederum kein solches Label, obwohl eine Analyse mit Gemini ein SynthID-Wasserzeichen identifizierte.