Ohje Internet: Das Update #1

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Hallo und willkommen zur ersten Ausgabe dieses Newsletters! Die Frage war: NOCH ein Podcast, oder NOCH ein Newsletter. Nunja, die Entscheidung ist offensichtlich auf Letzteres gefallen. Aber nicht irgendein Newsletter.

Das Update ist ein wöchentlicher Newsletter variabler Länge über dieses Internet. Ich gelobe: Es gibt Fax-Witze, aber keine Neuland-Witze. Es gibt Kontext und Nischenmeldungen. Und weil ich mich seit über zehn Jahren mit Desinformation und Rechtsextremismus im Cyberspace beschäftige, wird das selbstverständlich auch eine Rolle spielen. Außerdem geht‘s um Plattformen, KI und alles, was sich sonst noch so anbietet. Wir gehen rein.

Themen der Woche

Sachsen-Anhalt vor der Wahl

In meinem alten Zuhause wird an diesem Wochenende gewählt. Die AfD liegt in den Umfragen weit vorn. Sie ist im Bundesland seit mehreren Jahren vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. Das Wahlprogramm umfasst absurde bis gefährliche Pläne für Menschen und Land, sowie nicht umsetzbare Pläne für die Wirtschaft.

Die Partei arbeitet seit Jahren mit Desinformation und Panikmache, wenn es um Wahlen geht. Auch dieses Jahr greift sie wieder die Briefwahl an, mit dabei ist auch Ulrich Siegmund. Pflegekräfte werden pauschal und grundlos der systematischen Manipulation in Pflegeheimen verdächtigt. Bei ihren Wählern verfängt das: deutlich mehr AfD-Anhänger befürchten eine Manipulation der Briefwahl als Anhänger sämtlicher demokratischer Parteien. Dabei gibt es eine Menge Sicherheitsmechanismen, die vor Betrug schützen sollen. Und auch die öffentliche Auszählung.

Über die von Russland gesteuerte Matrjoschka-Kampagne wurde in den vergangenen Wochen viel diskutiert. Auch davon profitiert die AfD: die Berufstrolle und Bots attackieren alle Parteien, nur nicht AfD und BSW. Auch in den kommenden Tagen ist mit weiteren Fakes zu rechnen. Erst diese Woche wies Hagen Eichler von der Mitteldeutschen Zeitung auf Bluesky auf eine Fake-Umfrage hin, die der AfD sechs Prozentpunkte mehr zuschustert. Einen Überblick über die gängigen Klassiker habe ich für Campact aufgeschrieben.

Und damit das in dem wilden Nachrichtenritt aus Wahlen, Sabotage, Königshäusern und Ski Aggu vs. Jens Spahn nicht in Vergessenheit gerät: Der Europaabgeordnete Arno Bausemer hat einen Minderjährigen mit einem Baseballschläger attackiert, weil der Jugendliche sich an Wahlplakaten zu Schaffen gemacht hat. Die Reaktion der AfD bewegt sich zwischen Schulterzucken und Unterstützung, wie Ann-Katrin Müller kommentiert (Instagram). Bausemer hatte noch kurz zuvor einen Augenzwinker-Post über ein besprühtes FDP-Plakat veröffentlicht.

Die Journalistengewerkschaft dju hat zahlreiche Störungen journalistischer Arbeit bei AfD-Wahlkampfveranstaltungen dokumentiert, allein 25 der Vorfälle in den vergangenen drei Wochen. Einige davon gehen auf rechte Streamer wie den Rechtsextremisten und Verschwörungsinfluencer Aktivist Mann zurück, der auch schon handgreiflich wurde.

Karten lesen

Donald Trump hat viele Hobbys. Darunter: Golfen, Blattgold-Attacken auf White House und Stadtbild und Dinge umbenennen. Der Golf von Mexiko, seit dem 16. Jahrhundert unter diesem Rufnamen bekannt, soll auf Geheiß Trumps „Golf von Amerika“ genannt werden. Orte und Gebäude sollen nach dem Willen der Trump-Regierung insgesamt bestenfalls nicht mit Namen von Schwarzen oder queeren Menschen in Verbindung gebracht werden.

Und jetzt hat er den Lake Ontario per Dekret in „Lake America“ umbenennen lassen. Gefeiert hat er das standesgemäß mit einem KI-Video auf seiner persönlichen Social-Media-Plattform Truth Social (Archivlink), das eine Schar Enten mit Donald-Trump-Betonfrisur und menschlichen Armen zeigt, die zum Titelsong der Polizeiserie Hawaii Five-0 Maschinengewehre abfeuern. Absolut richtig gelesen, ja.

In den USA gewinnt Trump damit keinen Blumentopf: 63 Prozent lehnen die Umbenennung ab. Sogar unter den Anhängern der Republikaner sind es nur 33 Prozent, die sie unterstützen. Auch vonseiten der Seneca Nation gibt es Widerstand: Die Umbenennung verstoße gegen ein jahrhundertealtes Abkommen. Der Name Lake Ontario geht auf die Native Americans zurück.

Und wie schon beim Golf von Mexiko hat Google die Umbenennung schnell übernommen. Nicht überall gleich. In den USA ist der See umbenannt, in Kanada nicht. Eigentlich. Denn einige kanadische Websites zeigen auch den geänderten Namen an. Der Rest der Welt darf sich nun mit einem Doppelnamen herumschlagen.

Google begründet die Änderung damit, dass sich das System automatisch die Namen aus dem Geographic Names Information System (GNIS) zieht. Das ist bei weitem nicht das erste Mal, dass solche Umbenennungen für Schlagzeilen sorgen. Zwar hat Trump nicht Kanada völkerrechtswidrig annektiert, auch wenn er das Land immer wieder als Bundesstaat bezeichnet, dennoch erinnert der Fall an die Krim-Annexion. Wer von Russland aus auf die Karten von Google und Apple zugreift, dem wird die Krim als Teil Russlands angezeigt. In Deutschland werden Orte auf der Krim von Google Maps keinem Land zugeordnet, bei Apple ist die Krim ukrainisch.

Während Google und auch Apple — auch nachdem Trump sich persönlich beim Unternehmen gemeldet hat – den See umbenannt haben, hat der US-Kartenanbieter Mapquest einen anderen Weg eingeschlagen und will den See nicht umbenennen. Mit Erfolg: Sowohl in den USA als auch in Kanada landete die App in den Charts. Angaben der Betreiber zufolge soll die App in den vergangenen Tagen mehr als 1,5 Millionen mal heruntergeladen worden sein. Auch der Golf von Mexiko hat seinen Namen behalten. Mapquest hat damals einen eigenes “Benenne deinen Golf”-Tool gestartet.

Screenshot des Mapquest-Tools zur Umbenennung des Golf von Mexikos mit dem Namen "Gulf of Bielefeld"
Was viele nicht wissen: Der historische Name des Golf von Mexiko ist eigentlich ein ganz anderer

Übrigens: Wer nach „Karl-Marx-Stadt„ auf Google Maps sucht, landet in Chemnitz.

Wer ist dieser Milo Yiannopoulos?

Die USA haben den rechtsextremen, einst bekannteren Influencer Milo Yiannopoulos nach Großbritannien abgeschoben. ICE und Abschiebungen zu unterstützen schützt nachweislich nicht davor, auch selbst zum Ziel der Behörden zu werden. Anders als Menschen aus Kuba oder Venezuela, die zuletzt nach Liberia oder Äquatorialguinea verschleppt wurden, ist Yiannopoulos immerhin in seinem Heimatland gelandet und kann sich dort frei bewegen.

Yiannopoulos wurde in den 2010er Alt-Right-Jahren zum Influencer und war unter anderem als Autor für Steve Bannons Portal Breitbart aktiv. Damals hat er sich unter anderem maßgeblich an der frauenfeindlichen Kampagne Gamergate beteiligt, die rechte Online-Mobilisierung bis heute prägt. Und er war 2019 in Deutschland und sollte bei einer „Medien“-Veranstaltung der AfD im Bundestag auftreten. Nach Interventionen aus der eigenen Partei wurde er dann halb ausgeladen und traf sich außerhalb des Bundestags mit AfD und AfD-Vorfeld.

In den 2020er Jahren ist er vor allem durch seine Rolle als „ex-schwuler“ Unterstützer von Konversionstherapien, ein Praktikum bei der früheren Kongressabgeordneten und Verschwörungsinfluencerin und späteren Trump-Kritikerin Marjorie Taylor Greene und seine Tätigkeit für den Antisemiten und Hitler-Verherrlicher Kanye West aufgefallen.

Einen abschließenden Kommentar zum Vorgang hat die US-Komikerin Franchesca Ramsey dankenswerterweise schon vor einiger Zeit veröffentlicht.

Neues aus dem Sloppiverse

Der US-TV-Anbieter Roku hat Anfang August einen 24-Stunden-KI-Schrott-Kanal gestartet, nach dem niemand gefragt hat. Wohltuend harsche Kritik gibt’s bei The Verge (€), Futurism und dem Guardian. Der Youtuber Benaminute hat einen 24-Stunden-Selbstversuch gemacht, damit niemand sonst es muss. Es lohnt sich also vielleicht eher, sich einen vertrockneten Baum in der Nähe zu suchen und diesen zu gießen.

Der BR Faktenfuchs berichtet über KI-Videos auf Tiktok und Youtube, in denen Falschinformationen über die Rente verbreitet werden.

Auch wenn der meteorologische Herbstbeginn inzwischen hinter uns liegt: Bei Geister-Influencern geht es nicht um Halloween, sondern um massenhaft produzierte KI-gestützte politische Inhalte, die von echten Menschen verfilmt und vertont werden, um KI-Erkennung von Plattformen wie Youtube zu umgehen. Bei Riddance gibt es eine spannende Analyse zum KI-Unternehmen Virelox, das Millionen Klicks mit Attacken auf die US-Demokraten erzielen. Mehr zum Thema gibt es auch bei Semafor.

Gute Seiten, Schlechte Seiten

Eine Acapella-Variante der Tetris-Melodie? Ja bitte! (Instagram)

Wer sich über Gerichtsverfahren gegen Plattformen informieren will, ist beim Haken Dran Verfahrenstracker gut aufgehoben.

Zwei Männer aus den USA haben bei ihrer Betrugsmasche Rückenwind von falschen Google-AI-Overviews erhalten: Die beiden gaben sich als ein Profi-Footballer und sein Finanzberater aus, um Frauen um ihr Geld zu betrügen. In den Google-Overviews wurde einer der beiden dank seiner Social-Media-Posts auch als Footballer bezeichnet.

Meta versucht ein bisschen Schadensbegrenzung bei seinen Belästigungsbrillen und hat ein Update ausgespielt, das Brillen deaktivieren soll, deren Kameralämpchen beschädigt oder deaktiviert wurden. Das macht vielleicht einige Brillen unbenutzbar, ist aber keine zukunftsfähige Lösung, wie Katharina Nocun zeigt: Ein Aufkleber reicht, um wieder unerkannt filmen zu können. In Norwegen wird ein Verbot von Smartglasses diskutiert, in Hamburg sollen die Brillen zumindest aus Schwimmbädern verbannt werden.

Mindestens 14 Menschen in Serbien wurden mit Spyware ausgeforscht. Betroffen waren Studierende, Aktivisten und Oppositionspolitiker.

Kriminelle haben erbeutete Führerscheindaten aus Kanada und den USA veröffentlicht. Unter den 153 Millionen Datensätzen sind auch Scans der Führerscheine von Sicherheitsexperte Brian Krebs, einem FBI-Vize-Direktor und US-Verteidigungsminister Pete Hegseth. In Berlin wird derweil gewarnt, dass die Daten, die beim Angriff auf das Landesnetz erbeutet wurden, am heutigen Freitag veröffentlicht werden könnten.

Und wenn wir schon bei Hegseth sind: Der hat Influencer angeheuert, die seine Narrative in den Cyberraum tragen sollen. Eine Kennzeichnung dieser Inhalte gab es bislang nicht.

Das ist jetzt auch der richtige Zeitpunkt für die Bubble-Cam: Hier könnt ihr Seifenblasen in einen Garten in Florida pusten. Seit 2001.

Tier der Woche

Tier der Woche ist das Murmeltier, aus mehreren Gründen:

Das Murmeltier Dawn hat die Fat Marmot Week gewonnen, die während der großen Fresswochen vor dem Winterschlaf abgehalten wird. Dawn mag Steine.

Symbolbild aus Copyrightgründen: Dawn, das Murmeltier

Außerdem sind Murmeltiere die neuen Orcas: In Kalifornien häufen sich Angriffe auf Wanderer, denen die kleinen Schlawiner Schuhe klauen oder fies die Ohren ablecken.

Glossar

Was einen Namen braucht: Die Befürchtung, den eigenen algorithmisch gesteuerten Feed durch das anklicken, teilen oder merken eines problematischen Videos zu versauen.

Wortvorschläge oder weitere Dinge, die Namen brauchen bitte an hallo@ohje-internet.de.


KI-Disclaimer: Beim Schreiben dieses Newsletters ist kein KI-Chatbot zum Einsatz gekommen.

Ihr könnt meinen Newsletter auf Steady abonnieren und mich einmalig über Ko-Fi oder langfristig über Ko-Fi oder Steady unterstützen. Das würde mich ganz außerordentlich freuen!

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