Ohje Internet: Das Update #2

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Hallo! Es ist Tag fünf nach dieser Wahl und ich kann nicht behaupten, dass ich meine zahlreichen Gedanken dazu schon hinreichend geordnet hätte. Ohnehin gibt es weder eine Erklärung noch eine Lösung. Deshalb gibt es hier nur zwei Schlaglichter in Sachen Internet:

Erstens: Ich finde es schlicht grotesk, wie oft ich Kampfbegriffe der extremen Rechten in völlig kritiklosen Zusammenhängen lese und höre, als wären sie schlicht politische Konzepte. Das gilt seit längerem für den Begriff der “Remigration”, den ich inzwischen ständig ohne Einordnung und Anführungszeichen lesen muss, bei Medien, in Posts von Wissenschaftlern und anderen. Und dann sitzt da der Politikwissenschaftler Christian Stecker bei Caren Miosga und befindet, man könne “Ethnopluralismus” als ein politisches Konzept von vielen diskutieren. Kann man nicht. Der Begriff beschreibt den Wunsch nach kulturell einheitlichen Nationen und ist ein Grundstein der Propaganda der heutigen extremen Rechten. Die Forderung nach der “Remigration” — der Deportation all jener, die nicht “dazu gehören” und bei seiner prominentesten Werbefigur Martin Sellner gehören dazu auch Staatsbürger — folgt aus dem Konzept des “Ethnopluralismus”. Empfehlen möchte ich dazu nicht die diversen auf den Miosga-Auftritt gefolgten Interviews mit Stecker, sondern den Verfassungsblog sowie das Glossar der Bundeszentrale für politische Bildung:

Mit dem Begriff “Ethnopluralismus” bezeichnet die sogenannte Neue Rechte ein Theoriekonzept, das den für Rechtsextreme typischen Rassismus neu und weniger angreifbar begründen soll. Kritiker nennen ihn einen “Rassismus ohne Rassen”. (…) Es wurde geprägt von Henning Eichberg, einem der wichtigsten deutschen Theoretiker der Neuen Rechten. Vorläufer des Konzepts finden sich aber schon bei Carl Schmitt. Das Grundsatzprogramm der NPD enthält deutliche ethnopluralistische Elemente.

Zweitens: Letzte Woche habe ich auf die Rolle rechtsextremer Streamer im Wahlkampf der AfD in Sachsen-Anhalt hingewiesen. Die Zahl der Pöbeleien und Übergriffe ist seitdem auch noch mal gestiegen, vor allem am Tag der Wahl. Auch der Rechtsextremist Matthäus Westfal aka Aktivist Mann war weiter aktiv und hatte es besonders auf Ann-Katrin Müller abgesehen. Darüber berichtet sie beim Spiegel. Westfal war treibende Kraft hinter zahlreichen Störversuchen und Pöbeleien gegenüber Journalisten, die in Sachsen-Anhalt berichteten. Es geht aber nicht nur in Sachsen-Anhalt. In Berlin wurde am Mittwoch Polizeisprecher Florian Nath von einem rechtsextremen Streamer angegriffen, der einst für die NPD kandidierte.

Themen der Woche

Propagandaspiele

Games sind schon lange Propagandamittel. Letzten Freitag hat die Trump-Regierung eine eigene Website mit Propaganda-Games nach dem Vorbild von Flappy Bird, Tetris und Snake veröffentlicht. Es geht um den Mauerbau an der Grenze zu Mexiko, Grenzkontrollen, Make America Healthy (und ungeimpft) Again und so weiter.

Der Tetris-Klon ist inzwischen wieder verschwunden. Tetris hatte keinerlei Interesse daran, mit dem Klon “Build the Wall” in Verbindung gebracht zu werden.

Ein Post von Tetris auf Instagram. Im Bild der Text: "At Tetris we believe in the power of connection and bringing people together, not dividing them. To our fans everywhere: we love you, we see you, and we're grateful to have you in our community."
Außerdem die Caption: "P.S. The Tetris Company was not involved in the creation of ‘Build the Wall’. P.P.S. We take copyright infringement very seriously."
Post von Tetris auf Instagram

Die Spiele sind genauso schlecht wie ihr Plot klingt und sind so unterhaltsam wie die Bedienungsanleitung für ein Faxgerät, aber das ist auch gar nicht der Punkt. Auch die AfD hat schon ein eigenes rassistisches und queerfeindliches Browsergame veröffentlicht. Bei all dem geht es um die Normalisierung menschenfeindlicher Politik im popkulturellen Gewand. Das läuft über Musik, Kleidung, Fußball und eben auch Games. Es ist kein Zufall dass die Veröffentlichung im Stil des Sega-Logos und -Jingles daherkommt. Genauso wenig ist es Zufall, dass Ulrich Siegmund im Wahlkampf auf der Simson dahergetuckert kommt. Es geht um die Verschmelzung menschenverachtender politischer Propaganda mit einem wohlig-warmen Nostalgie-Gefühl.

Elon Musks “Legion”

Elon Musk hat mehr Kinder als — ich mutmaße — echte Freunde. Er ist Erzeuger von 14 Kindern. Und es gibt Spekulationen darüber, dass es deutlich mehr sein könnten. Die New York Times berichtete 2024, er habe Freunden und Bekannten sein Sperma angeboten. Was man eben so macht. Außerdem soll er ein Anwesen in Texas gekauft haben, das all seinen aktuellen und künftigen Kindern und dazugehörigen Müttern Platz bieten sollte. Musk hat diesen Berichten damals widersprochen.

Diese Woche wurde wieder viel über seinen Fortpflanzungswahn berichtet. Anlass ist eine neue Dokumentation, die im Rahmen der Filmfestspiele von Venedig vorgestellt wurde. “Musk” von Alex Gibney dauert fast vier Stunden und damit etwa so lang wie eine handelsübliche Extended Version eines Tolkien-Epos. Der Protagonist reagierte mit Drohungen und einer antisemitischen Verschwörungserzählung, in der Dokumentarfilmer Gibney als fremdgesteuert vom jüdischen Milliardär George Soros dargestellt wird.

Jedenfalls waren Kinder Thema, weil Ashley St. Clair auf der Pressekonferenz zur Vorstellung des Films gesprochen hat. St. Clair ist Influencerin und Autorin und war lange im MAGA-Lager unterwegs, inklusive sehr expliziter Transfeindlichkeit. Inzwischen hat sie damit öffentlich gebrochen.

Über Elon Musk spricht sie schon länger. Er ist Vater ihres 2024 geborenen Kindes und soll ihr Millionen für eine Schweigevereinbarung angeboten haben. Schon letztes Jahr hat sie Schlagzeilen gemacht, als sie erzählte, Musk wolle vor einem angeblich drohenden Bürgerkrieg eine “Legion” von Kindern zeugen. Das ist kohärent mit allem, was Musk auf seiner Haus- und Hof-Plattform postet und passt zur Ideologie unter megareichen Tech Bros, die zu lange kein Gras mehr angefasst haben.

Beim Termin in Venedig sagt St. Clair zur Frage, ob Musk Angst vor einem Bürgerkrieg habe oder aktiv daran arbeite, diesen auszulösen:

Whatever it is, what he’s doing with this platform on X cannot be ignored, because he is stoking flames that don’t exist in the real world.

I do believe that he is causing deliberate division that may be catastrophic if it’s not regulated or tamed, or if we don’t do our part in putting it down.

Musk verbreitet schon lange einschlägige Erzählungen vom angeblich bevorstehenden Kollaps der Zivilisation. Angesichts seiner gut dokumentierten rassistischen Ausfälle und Werbung für rechtsextreme Parteien ist zu schlussfolgern, dass er damit mehrheitlich weiße Länder meint. Das deckt sich mit der Pronatalismus-Promo der internationalen extremen Rechten und auch der AfD, die immer wieder mit Slogan “Neue Deutsche? Machen wir selber” wirbt.

Mehr dazu:

Mindestens eines von Musks Kindern, seine Tochter Vivian Wilson, will nichts mit dem Vater am Hut haben. In ihrem Fall liegt das in Musks Transfeindlichkeit. Sie ist nicht nur eine der Adresssatinnen von Musks Transfeindlichkeit, sondern kann auch besser Internet als ihr Vater. Wilson ist das Gesicht einer neuen Werbekampagne der Modemarke Desigual. Das Ziel der Anti-KI-Kampagne laut Desigual:

send a clear message: the greatest rebellion is no longer about fighting against the system but about refusing to be part of it. When everything invites you to obey, the answer is attitude, irony and the freedom to be yourself.

Gutes Internet, Schlechtes Internet

Spoiler: Es war eine eher schlechte Woche für gutes Internet. Deshalb möchte ich euch hiermit ermutigen, niedliche Tierbilder und -videos zu konsumieren.

Jacob Coxon hat seinen Job bei Anthropic sehr öffentlichkeitswirksam verlassen und vor Verantwortungslosigkeit gewarnt: “The people building AI earnestly believe that it could kill us all by the end of the decade.” Was lag da für die New York Times näher als einen Bericht dazu mit “Could A.I. Really Kill All Humans?” zu betiteln?

In den USA stehen die Midterm-Wahlen bevor. Zunehmend suchen Menschen auch bei Chatbots nach Antworten auf ihre Fragen zu Wahlen und erhalten dabei falsche und irreführende Antworten. Das MIT hat für die Midterms das Election LLM Observatory gebaut. Aktuell sei es noch zu früh für abschließende Bewertungen, sagen die Forschenden. Gezeigt hat sich aber schon, dass die verschiedenen Modelle unterschiedliche Schwerpunkte setzen und Antworten verändern, wenn Fragen aus unterschiedlichen politischen Perspektiven gestellt werden. Spannend ist hier auch noch mal diese Untersuchung zu den Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg aus dem Jahr 2024.

Elon Musk mischt bei den Wahlen ebenfalls mit und will etwa 100 Millionen US-Dollar in den Wahlkampf investieren. Sein America PAC finanziert aktuell transfeindliche Werbeanzeigen und steckt hinter einer harmlos wirkenden Seite namens VoteSafe.org, die wirkt, als könne man sich als Wähler registrieren oder seinen aktuellen Registrierungsstatus prüfen. Tatsächlich ist die Seite ein Instrument zur Datensammlung. Judd Legum hat dazu auf seinem Substack ausführlich berichtet.

Es gibt keinen Mangel an Geräten mit gruseligen Überwachungsfeatures. Apple mischt mit, deshalb soll die Apple Watch jetzt mithören und KI-Zusammenfassungen zum Tag liefern. Mehr dazu beim Standard und PC Mag.

Anthropic möchte in Sachen Anti-KI-Aktivismus “proaktiver” vorgehen und hat eine Stelle ausgeschrieben, in der “Aktivismus” als “global threat” bezeichnet wird.

Mehr als fünf Jahre nach diversen antisemitischen Posts auf Telegram wird nun ein Verfahren gegen Xavier Naidoo eröffnet. Es geht allerdings nur um einen von vielen dokumentierten Fällen. Immerhin hat sich, weil der ganze Vorgang ewig dauert, der Kreis inzwischen geschlossen: Naidoos halbherziges Distanzierungsvideo liegt auch schon mehr als vier Jahre zurück und in diesem Jahr ist er wieder mit Verschwörungsideologen und Rechtsextremen durch die Straßen gezogen.

Die Band Muse hat ihren Usernamen auf Instagram und X verloren, weil Meta einen KI-Agenten mit dem Namen Muse gelauncht hat.

Aus dem Sloppiverse

Die österreichische Regierung hat richtig schlimmen KI-Slop für sich entdeckt. Gepostet wurden KI-Lied und KI-Video auf den Instagram-Accounts des Digitalstaatssekretärs und des Bundeskanzlers. Der Standard kommentiert : “Es ist ein 75-sekündiger Gruselritt entlang österreichischer Natur, Kulinarik und Geschichte, gepaart mit Werbung für eine arbiträre Auswahl an Unternehmen.”

Schon etwas ältert, aber deswegen nicht schlechter: Forschende haben Reden von Abgeordneten aus Schweden und Großbritannien analysiert und jeweils einen ordentlichen Anteil nicht gekennzeichneter KI-generierter Inhalte identifiziert. Euronews hat darüber letzte Woche berichtet.

Ich mag die Berliner Morgenpost. Wirklich. Aber ich hätte gern eine Erklärung für eine Marketingkampagne mit wirklich offensichtlich KI-generierten Lesern, die ich diese Woche in meinem Feed hatte.

Anzeige der Berliner Morgenpost auf Instagram. Zwei KI-generierte Menschen lesen, im Zug sitzend, digitale Ausgaben der Zeitung.
Slop-Anzeige der Berliner Morgenpost

Tier der Woche

Das Tier der Woche ist die chilenische Waldkatze, auch bekannt unter ihren Künstlernamen Kodkod und Guiña. Weil das Tier genauso guckt (Instagram), wie ich mich diese Woche fühle und Wikipedia sagt: “Über das Sozialverhalten sind keine genaueren Angaben gesichert.” Same.

Gezeichnetes Kodkod-Bild
Bild eines Kodkod, Kugelschreiber auf Papier, 2026

KI-Disclaimer: Beim Schreiben dieses Newsletters ist kein KI-Chatbot zum Einsatz gekommen.

Ihr könnt meinen Newsletter auf Steady abonnieren und mich einmalig über Ko-Fi oder langfristig über Ko-Fi oder Steady unterstützen. Das würde mich ganz außerordentlich freuen!

Zum Abschluss: Vielen Dank an Dominik für die Support-Mitgliedschaft und überhaupt!

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